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Orientierung im Bücherdschungel / Februar

Denis Scheck kommentiert die Top Ten Sachbuch


Platz 10 – Der Dalai Lama und Franz Alt: "Der Appell des Dalai Lama an die Welt"
Problematisch an diesem Buch sind weniger die Themen, die es verhandelt: Wer will etwas dagegen einwenden, wenn ein religiöses Oberhaupt bekennt, dass eine Welt mit weniger Religion eine bessere Welt wäre? In Harnisch gerate ich gegen diese Schrift vor allem deshalb, weil sie durch ihren Umfang von sage und schreibe 56 redundant vollgequasselten Seiten mit einem Buch eben so wenig zu tun hat wie ein Big Mac mit Essen. Ein Fake-Book für die Generation Fazebuch.

Platz 9 – Michail Gorbatschow und Franz Alt: "Ein Appell von Michail Gorbatschow an die Welt"
Die schönsten Satiren schreibt eben doch die Wirklichkeit: Nach dem Dalai Lama hat Franz Alt Michail Gorbatschow zu einem weiteren Fake-Book beschwatzt, in dem er diesen auch typograpghisch wie eine Powerpoint-Präsentation sprechen und Phrasen über Phrasen aufsagen lässt: "Es steht außer Frage, dass diese Herausforderungen nur gemeinsam, durch vereinte Bemühungen, bewältigt werden können." Ah, ja. Wen wird Franz Alt als nächstes in einem Interviewbuch verwursten? Werden wir den Appell von Daniel Küblböck an die Welt zu lesen bekommen? Den Appell von Peter Hahne? Oder den von Gina-Lisa Lohfink? Das Grauen hat erst begonnen….

Platz 8 – Wolf Biermann: "Warte nicht auf bessere Zeiten"
Zu den interessantesten Gedanken in dieser einsichtsreichen Autobiographie zählt Biermanns Nachdenken über die Frage, warum sich in der DDR so wenig Widerstand gegen die SED-Diktatur entwickelt hat. Ein Grund, so Biermann: "In der DDR hatten sich zu viele der Schriftsteller und Wissenschaftlicher, die die Russen "Intelligenzija" nennen, bis zuletzt immer wieder mit der Partei ins Bett gelegt – resigniert, lustlos, ängstlich, karrieregeil." (464) Ein Buch, aus dem sich viel lernen lässt.

Platz 7 – Peter Wohlleben: "Das Seelenleben der Tiere"
Alterszipperlein von Pferden, Todesahnungen von Ziegen, Empathie unter Wühlmäusen: Der Ex-Förster Peter Wohlleben lenkt den Blick seiner Leser angenehm unangestrengt auf wenig bekannte Seiten im Buch der Natur.

Platz 6 – Gerhard Wisnewski: "Verheimlicht vertuscht, vergessen"
Wer glaubt, dass Elvis Presley zusammen mit James Dean und John F. Kennedy heute eine Straußenfarm in Südafrika betreibt, den wird dieses Hausbuch der Verschwörungstheoretiker nicht schockieren. Wer aber noch ein letztes Fitzelchen Vernunft im öffentlichen Diskurs bewahrt sehen möchte, dem wird diese hirnrissige Ansammlung von "alternativen Fakten" zu Themen wie Brustkrebs, das Zugunglück von Bad Aibling und Merkels Flüchtlingspolitik die Tränen in die Augen treiben.

Platz 5 – Horst Lichter: "Keine Zeit für Arschlöcher"
Eine amüsante Revue über die Stationen von Horst Lichters Fernsehkarriere, ausgelöst durch den Tod seiner Mutter. Wahrlich nichts Weltbewegendes, aber unprätentiös und einsichtsreich.

Platz 4 – Andrea Wulf: "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur"
Niemand hat die Welt gesehen wie er: In Andrea Wulfs glänzender Biographie begegnen wir dem großen Denker der Vernetzung, Alexander von Humboldt. Wulfs Buch ist ein Abenteuerspielplatz des Geistes!


Platz 3 – Peter Wohlleben: "Das geheime Leben der Bäume"
In seinem Ausflug in den deutschen Wohlfühlort schlechthin vermittelt Peter Wohlleben spannendes Wissen. Seine Überlegungen zu nichtheimischen Arten und Invasoren im Ökosystem Wald illustriert er damit, dass auch die "vielgeliebten" Roten Waldameisen vielerorts zu Neubürgern im Wald wurden, weil die Nadelholzwirtschaft auf Fichten und Kiefern setzte.

Platz 2 – Roger Willemsen: "Wer wir waren"
In seiner letzten Rede denkt der vor einem Jahr gestorbene Roger Willemsen über die Zukunft von gestern und die rapide Verengung unseres Zukunfthorizonts nach. Das macht er klug und anregend. Sein früher Tod trifft umso schmerzlicher, als dieser nachgelassene Text wieder einmal zeigt, wozu Willemsen in der Lage war.

Platz 1 – Eckart von Hirschhausen: "Wunder wirken Wunder"
Der Kabarettist und Fernsehmoderator Eckart von Hirschhausen ist für viele Menschen ein Sympathieträger. Der Ton des neuen Buchs des studierten Mediziners ist durchweg anbiedernd und pseudo-vertraulich. "Jetzt gestehe ich Ihnen etwas", schreibt Hirschhausen etwa: "Als Student habe ich mich für Menschenversuche hergegeben. Ich habe meinen Körper an die Forschung verkauft. Immerhin nicht an die böse Pharmaindustrie, sondern für ein naturheilkundliches Präparat. Und auch nicht den ganzen Körper, sondern nur meinen linken Unterarm." Über annähernd 500 Seiten nervt diese forcierte Witzigkeits-Prosa wie eine niemals endende Karnevalssitzung der Hölle.
Tags: druckfrisch, lesen
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