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Orientierung im Bücherdschungel / März

Denis Scheck kommentiert die Top Ten Belletristik


Platz zehn – T.C. Boyle: "Die Terranauten"
In der Wüste Arizonas sperrt T.C. Boyle acht Menschen zwei Jahre lang in eine rund 15.000 Quadratmeter große Glaskuppel, wo sie ein geschlossenes Ökosystem simulieren sollen. In dem Menschen-Terrarium entbrennt bald Streit, es geht genau wie im Leben draußen um Sex und Gewalt und Macht. Boyle erzählt zur Freude von uns Lesern eine zweite Schöpfungsgeschichte inklusive Sündenfall. Ein Buch wie ein Dampfdruckkochtopf: Je länger das Experiment läuft, desto größer die Spannung.

Platz neun – Hana Yanagihira: "Ein wenig Leben"
An emotionaler Wucht vermag nichts aus unserer Gegenwartsliteratur den Vergleich zu dieser Geschichte um vier Freunde in New York aufzunehmen. Über drei Jahrzehnte erzählt Yanagihara die Geschichte einer Männerfreundschaft: der Schauspieler Willem, der Künstler JB, der Architekt Malcolm und vor allem der Anwalt Jude. Sie werden im Verlauf dieses Romans alle schrecklich reich und schrecklich berühmt. Vor allem erzählt Yanagihara aber von Missbrauch, unheilbaren Traumatisierungen der Seele und tragischer Unerreichbarkeit für alle Heilungsversuche. Eines der berührendsten Bücher der Saison.

Platz acht – Paul Auster: "4321"
Der Großmeister der amerikanischen Postmoderne hat ein neues Puzzle aus Fiktion und Wirklichkeit entworfen: Auster erzählt vier alternative Lebensläufe über seinen Helden Archie Ferguson. Alle vier Biographien jonglieren souverän mit Realien aus Austers eigenem Leben wie mit jeder Menge Anspielungen und Bezüge auf sein umfangreiches Werk. Dass dieser 1300 Seiten starke Roman sich nicht in intertextueller Spielerei erschöpft, sondern sehr ernste Fragen nach Sinn und Schicksal unseres Lebens stellt, liegt an seiner Erdung in der Zeitgeschichte.

Platz sieben – Zsuzsa Bank: "Schlafen werden wir später"
Mehr gejammert und geklagt, gegreint und gezetert als in diesem 683 Seiten langen Emailwechsel zwischen den Anfang vierzigjährigen Freundinnen Márta und Johanna wurde selten in einem deutschen Buch. Nicht zu vergessen geweint: unentwegt lässt Zsuzsa Bank ihre Hauptfiguren weinen: "Danke … fürs Händchenhalten und Weinen", schreibt die eine der anderen "Einen Grund dafür finden wir immer." Das ist leider wahr. Auf der nach oben offenen Larmoyanz-Skala der Gegenwartsliteratur erreicht Zsuzsa Banks Briefroman über eine Frauenfreundschaft eine glatte zehn.

Platz sechs – Sebastian Fitzek: "Das Paket"
Jedes weitere Wort über diesen hirnlosen Gewaltporno wäre ein Wort zuviel.

Platz fünf – Elena Ferrante: "Die Geschichte eines neuen Namens"
Die mit enormer Sogkraft erzählte Fortsetzung des auf Platz zwei stehenden ersten Romans um Elena und Lila "Meine geniale Freundin". Mit dem Älterwerden der Freundinnen mit so unterschiedlichen Lebenswegen weitet sich ihre Perspektive der Romane, wodurch sehr viel gesellschaftliche und politische Realität in die Handlung einfließt. Aus der intimen Freundschaftsgeschichte von Band eins wird so am Ende von Band zwei eine Chronik des Italiens der 60er Jahre.

Platz vier – Sabine Ebert: "Schwert und Krone: Meister der Täuschung"
Verdienstvoll an diesen historischen Romanen ist Sabine Eberts detailbesessene Darstellung der komplexen Machtverhältnisse im 12. Jahrhundert. Aber ihre Sprache ist karg und unpoetisch, ihre Phantasie kümmerlich – und ihr zahlreiches Handlungspersonal durchweg mit so gegenwärtigem Bewusstseinsinhalten ausgestattet, dass dieser Historienschinken auf mich so glaubhaft wirkt wie cleane Mittelalter-Reenactments.


Platz drei – Julian Barnes: "Der Lärm der Zeit"
Der große Julian Barnes erzählt in gewohnter Souveränität am Beispiel von Schostakowitsch und Stalin eine exemplarische Geschichte über das Verhältnis von Kunst und Macht. Am Ende sieht der Leser mit Erschrecken, wie Ehrgeiz mitunter zu künstlerischen Kompromissen führt – und sei es nur der Ehrgeiz, am Leben zu bleiben.

Platz zwei – Elena Ferrante: "Meine geniale Freundin"
Man muss nicht unbedingt mit diesem ersten Band in die Geschichte einsteigen, empfehlen würde ich es aber.

Platz eins – Martin Suter: "Elefant"
Der wissenschaftliche Gehalt dieses Romans um einen selbstleuchtenden rosa Mini-Elefanten ist erbärmlich. Martin Suters Zauberformeln zur Erklärung dieses Fabelwesens heißen statt Abrakadrabra und Hokuspokus einfach "CRISPR/Cas" und "Genome Editing". Das Handlungspersonal dieses Romans stammt ohne Ausnahme aus dem untersten Bereich der Klischeekiste: skrupellose verrückte Wissenschaftler, ein zum Penner abgerutschter Banker, die vegetarische Tierärztin, deren Vater ein böser fleischfressender Jäger war, nicht zu vergessen die gelbe Gefahr in Gestalt fieser Chinesen. Mit diesem indiskutablem Schrotthaufen von einem Roman hat Martin Suter eines bewiesen: dass man Lesern auch heute noch einen Bären aufbinden kann – vorausgesetzt, man tarnt ihn als rosa Elefanten.
Tags: druckfrisch, lesen
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