carpe_libros (carpe_libros) wrote,
carpe_libros
carpe_libros

An den Quellen des Hochgefühls

Nach meinem Aufenthalt in Marienbad habe ich einen Artikel von Beate Borowka–Clausberg über die weiblichen Schriftstellerinnen gelesen.
Ich mag nicht Literatur auf solche Art aufteilen, aber es gibt viel Interessantes in diesem Artikel und deswegen habe ich eine kurze Zusammenfassung geschrieben.


Wie sehr die Schriftstellerinnen des 19. Jahrhunderts sich vom Bade- und Kurthema angezogen fühlten, läßt sich in ihren Romanen, Novellen, Erinnerungen, Briefen und autobiographischen Schriften studieren.


Die Danzigerin Johanna Schopenhauer, die Mutter des Philosophen Arthur, die in Weimar ihre
schriftstellerische Tätigkeit begann und noch vor ihrem Sohn berühmt wurde hat die literarischen Porträts, Reiseberichte und Romane geschrieben. Ais junge Ehefrau reiste sie mit ihrem Mann durch Europa und besuchte auch viele Bäder, als erstes die renommierten Bäder Pyrmont und Karlsbad. Von den Möglichkeiten, die solche gesellschaftliche Sammelpunkte boten, war sie sehr angetan. In ihrer posthum veröffentlichten Teilbiographie stellt sie unter das Motto der Schiller-Verse: "Was man nicht alles für Leute kennt! Und wie die Zeit von dannen rennt. Was werd' ich noch alles erleben müssen!"

Der Ort - Pyrmont - kam ihr wie ein ungeheurer Gasthof vor und vom Badeleben wußte sie bis dahin nichts: "In Danzig kannte man eigentlich nur zwei Badeorte, Pyrmont und Karlsbad, (...) überhaupt galt die Verordnung einer Badereise als Andeutung, daß der Arzt keinen weiteren Rath wisse und den Kranken gern aus seiner Nähe entfernen möchte [...]".

Johanna Schopenhauer beschrieb jene seltsame Melange von Krankheil und Gesundheit, die in Kurorten zuhause war. Hoffnungen auf Heilung verbanden sich mit Lebenslust und Amüsement. Solche Gegensätze machten Kurore für die jenigen, dieses sich leisten konnten, zu magischen Anziehungspunkten.

Walter Benjamin hat dafür in seinem «Passagenwerk» folgende Charakterisierung gefunden: "Während die Reise den Bourgeois für gewöhnlich über seine klassenmäßigen Bindungen hinweg täuscht, bestärkt ihn der Badeort in seinem Bewußtsein, der Oberklasse anzugehören". Das meinte mit anderen Worten, an den Quellen des Hochgefühls zu sein!

Johanna Schopenhauers noch vorrevolutionäre Kommunikationsfreude war ungetrübt, interessante Bekanntschaften, Ausflüge, Charakterstudien bestimmten ihren Kuralltag.
Sie beobachtete und sammelte Stoff für ihre späteren Romane. Eine ihrer Erzählungen erhielt den bezeichnenden Titel «Die Brunnengäste». Schauplatz der Handlung war Wiesbaden, wo sie eine recht verwickelte Liebesgeschichte sich abspielen ließ. Die Hauptpersonen ihres Romans «Gabriele» hatten wiederholt nach Karlsbad zur Kur zu reisen.
Auch Johanna Schopenhauers Tochter Adele hat das Badethema als Szenario für ihren Roman «Anna» genommen und Baden-Baden zur Kulisse erwählt.

Und in England feierte Jane Austen mit Romanen Erfolge, in denen als Höhepunkte des gesellschaftlichen Treibens Bäder aufgesucht wurden. In «Northanger Abbey» wurde Bath zum Zentrum einer verwickelt mysteriösen Liebesgeschichte.

Ein Jahrhundert später hat Katherine Mansfield mit der Erzählung «In einer Deutschen Pension» eine andere Form des Kur-und Badelebens skizziert, indem sie das kleine Bad Wörishofen an die Stelle größerer mondäner Bäder treten ließ.
Im 19. Jahrhundert haben Schriftstellerinnen wie Ida Gräfin Hahn-Hahn, Fanny Lewald, Therese von Bacheracht, Louise Aston und Bertha von Suttner das Kurbad-Thema motivisch in ihren Romanen und Erzählungen vorgeführt. Was eignete sich besser für Gesellschaftsromane als das gesellige Treiben in Kurorten zu beschreiben . Zudem waren ihre Schriften auch Stellungnahmen zur Frauen-Emanzipation in jener Zeit.
Auch dafür boten Aufenthalte in Kurorten vielerlei Möglichkeiten. Fanny Lewald zum Beispiel hat in Karlsbad eine Sammlung von Briefen zu diesem Thema verfaßt und 1869 unter dem Titel «Für und wider die Frauen» veröffentlicht.

Badereisen boten Frauen eine Möglichkeit, sich vom Alltag zu entfernen . Es war allgemein gesellschaftlich akzeptiert, daß sie auch allein ins Bad reisen und sich dort ohne Begleitung von Anstandspersonen aufhalten konnten. Fern von Zuhause, fern von ungeliebten und schwierigen Ehemännern fanden sie in Bädern Heilung des Körpers wie auch der Psyche. In Romanen geschlechtsbewußter Schriftstellerinnen ist die Erkundung dieses Freiraums zum buchfällenden Thema geworden: nicht nur bei Ida Hahn-Halm, sondern auch bei Charlotte von Ahlefeld und vielen anderen .
Es sollte nicht unerwähnt bleiben, daß auch Theodor Fontane in seinem Roman «Effi Briest» die Bade-Lokalität als Wendepunkt einsetzte. Während er Effi nach Bad Ems zur Kur schickte, ließ er den Gatten die Liebesbriefe entdecken und so das Unglück seinen Lauf nehmen .

Auch Marie von Ebner-Eschenbach, später berühmte Österreicherin, hat ihre schriftstellerischen Versuche in einem Bad, in Franzensbad begonnen. Die Örtlichkeit fand sie inspirierend genug, um sie in einer Publikation zu spiegeln. «Aus Franzensbad. Sechs Episteln von keinem Propheten», ihr Erstlingswerk, erschien 1858. Sie verarbeitete ihren Kuraufenthalt zur humoristisch-kritischen Studie und erörterte gleichzeitig die literarischen Möglichkeiten ihrer Erfahrungen:
"Diese zusammengewürfelte Gesellschaft ohne Geselligkeit, die sich so nahe und so ferne steht, kommt mir vor wie ein Harlekinsgewand, wo Stoffe aller Gattungen, Farben aller Schattierungen ohne Wahl und Harmonie, dicht neben einander stehen zu einem selben Ganzen gehörend und doch strenge gesondert."

Ein erschreckendes Zukunftsbild hat Bertha von Suttner 1889 in ihrem bald weltbekannten Roman «Die Waffen nieder» entworfen: Sie beschwor darin einerseits noch die idyllische Marienbader Kuratmosphäre und warnte andererseits schon vor heraufziehender Kriegsgefahr. 1904 hat sie in Marienbad einen ihrer Antikriegsvorträge gehalten.
Zehn Jahre später wurden mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares ihre Ahnungen furchtbare Wirklichkeit.

Tags: lesen
Subscribe

Posts from This Journal “lesen” Tag

  • Orientierung im Bücherdschungel / Januar

    Мнение редакции может не совпадать с мнением автора Мое мнение не совпадает с книжными рекомендациями Дениса Шека. Шек – известный книжный…

  • Orientierung im Bücherdschungel / Februar

    Мнение редакции может не совпадать с мнением автора Февральский книжный обзор Дениса Шека Platz 10: Matt Haig: "Die…

  • Orientierung im Bücherdschungel / März

    Мнение редакции может не совпадать с мнением автора Денис Шек повторяется. Кажется, он не сам составлял этот список и не читал эти книги, а…

  • Sten Nadolny «Die Entdeckung der Langsamkeit»

    Роман Стена Надольного я читала на немецком. Для тех, кто заинтересуется - книга была переведёна на русский язык - «Открытие медлительности». Роман…

  • Был месяц май

    Erich Kästner Der Mai aus dem Gedichtzyklus "Die 13 Monate" Im Galarock des heiteren Verschwenders, ein Blumenzepter in der schmalen…

  • Eva Baronsky «Herr Mozart wacht auf»

    "Solange es nur Musik gab, war er bereit, in jeder Welt zurechtzukommen." Eva Baronsky «Herr Mozart wacht auf» Strenggenommen, lese ich keine…

  • Post a new comment

    Error

    Anonymous comments are disabled in this journal

    default userpic

    Your reply will be screened

    Your IP address will be recorded 

  • 0 comments