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Orientierung im Bücherdschungel / Mai - Juni






Denis Scheck kommentiert die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch



Platz 10 – Christian Nürnberger und Petra Gerster: "Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten"

Basiswissen im Lutherjahr vermittelt dieses mit gerade mal 200 Seiten kurze, aber keineswegs flache Büchlein. In angenehm pointiertem Stil stellen Gerster und Nürnberger in ihrer primär für Jugendliche und Erwachsene mit wenig Vorwissen gedachten Einführung den Schriftsteller Martin Luther in den Mittelpunkt. Das ist eine kluge Entscheidung, ist Luthers Bibelübersetzung doch der Big Bang am Anfang des Neuhochdeutschen als Literatursprache.

Platz 9 – J. D. Vance: "Hillbilly Elegien"

Am Beispiel der eigenen Familiengeschichte erzählt Vance vom Abstieg der Arbeiter im amerikanischen Rostgürtel. Diese Feuilletons aus dem Milieu der verarmten Weißen als Erklärung für Trumps Wahlsieg heranzuziehen, wie das in Deutschland vielerorts gemacht wird, halte ich aber für unplausibel: Ohne die Analysemittel von Demoskopie und Soziologie ist auch Vances Familiengeschichte ein Stück postfaktisches Erzählen.

Platz 8 – Magnus Brechtken: "Albert Speer"

Wie E. T. A. Hoffmanns Klein Zaches ist es Albert Speer gelungen, sich in der Bundesrepublik als etwas zu präsentieren, was es nicht geben kann: als einen "guten Nazi". Magnus Brechtken zeichnet in seiner lesenswerten Biographie minutiös nach, wie der Architekt Speer sein größtes Werk entwarf: das Lügengebäude, das ihn statt als Täter als Opfer präsentierte, als einen von den Verbrechen in Ausschwitz ahnungslosen Rüstungsminister, als einen findigen Manager, der im Widerstand gegen Hitler in der Endphase des Zweiten Weltkriegs alles tat, um die deutsche Industrie zu schützen und so den Perlsamen für das deutsche Wirtschaftswunder legte.

Platz 7 – Roger Willemsen: "Wer wir waren"

"Die Zukunft, das ist unser röhrender Hirsch über dem Sofa, ein Kitsch, vollgesogen mit rührender Sehnsucht und Schwindel", schreibt Roger Willemsen in diesem Fragment, in dem er über das rapide Altern unserer Utopien nachdenkt und zu jener Erkenntnis gelangt, die Karl Valentin schon einige Jahrzehnte vor ihm gültig formulierte: "Die Zukunft war früher auch besser."

Platz 6 – Andrea Wulf: "Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur"

Alexander von Humboldt war, erfahre ich aus diesem Buch, ein frenetischer Briefeschreiber, ein Vordenker des Umweltschutzes und: ein Hansdampf in allen Gassen des Denkens. Andrea Wulfs Biographie Alexander von Humboldts schlägt deshalb so in Bann, weil ihr bei der Darstellung von Humbolts Persönlichkeit die perfekte Balance gelingt zwischen deren eher abseitigen und eher bekannten Facetten.

Platz 5 – Cameron Bloom und Bradley Trevor Greive: "Penguin Bloom"

Ein schräger Vogel läßt eine querschnittsgelähmte Australierin neuen Mut fassen. So anrührend das Lebensschicksal der Betroffenen, so niederschmetternd der geistige Horizont dieser Erbauungsschrift. Dieses Buch will Trost bieten, ist aber eher ein Grund zur Verzweiflung.

Platz 4 – Eckart von Hirschhausen: "Wunder wirken Wunder"

Eckart von Hirschhausen ist studierter Mediziner und ein schlauer Mensch. In diesem Buch stellt sich der Arzt mit überschaubarer Praxis permanent dumm, weil er glaubt, so viele Leser zu erreichen. Das nervt. "Jeder Mensch meint von sich, er habe Humor. Gleichzeitig kennen wir viele, die keinen haben." Nach diesem Buch kenne ich einen mehr.


Platz 3 – Yuval Noah Harari: "Homo Deus"

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari ist schwul und Vegetarier. Vielleicht ermöglicht ihm diese doppelte Minderheitenposition eine Warte auf die Menschheitsgeschichte einzunehmen, die ebenso originell wie anregend ist. "Was ist wertvoller – Intelligenz oder Bewusstsein?" fragt er am Ende seiner durchaus atemberaubenden tour d'horizon durch unsere Geschichte. Und: "Sind Organismen wirklich nur Algorithmen?" Ein Sachbuch, so anregend, dass man dazu tanzen möchte!

Platz 2 – Peter Wohlleben: "Das geheime Leben der Bäume"

Solange wir Deutschen mit Grimms Märchen sozialisiert werden, solange wird der Wald als Ort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, ein besonderer in unserer kollektiven Imagination bleiben. Der Ex-Förster Peter Wohlleben erzählt vom Baumkiller Hallimasch, vom Fichtenspargel und warum Hirsche lieber im offenen Grasland leben würden, wenn da nicht schon wir Menschen wären, so anschaulich, dass jeder Asphalttreter sich für einen geborenen Waldläufer hält.

Platz 1 – Andreas Michaelsen: "Heilen mit der Kraft der Natur"
Andreas Michalsen ist Professor für Naturheilkunde an der Berliner Charité und versucht in diesem Buch, Schulmedizin und Naturheilkunde zu versöhnen. Dazu überprüft er alte und lange als überholt geltende Behandlungsmethoden wie etwa das Schröpfen, das Fasten oder Yoga aus heutiger Sicht auf ihre Wirksamkeit. Für die Beurteilung der medizinischen Relevanz dieses Ansatzes fühle ich mich nicht zuständig. Aber faszinierend an diesem Buch fand ich, wie sich der Kostendruck in unserem Gesundheitssystem immer wieder in Michalsens Argumentation einschleicht. Konsequent zu Ende gedacht läuft das auf die schöne Zeitungsanzeige eines Bestatters aus den 1920er Jahren in New York hinaus: "Warum leben, wenn Sie für 20 Dollar beerdigt werden können?"
Tags: druckfrisch, lesen
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